Ein Fehler und der ganze Hub steht: Selektivität und Schutzkonzept bei Schnelllade-Hubs
Ein Fehler an der Ladesäule. Der ganze Schnelllade-Hub steht still. Und die Säule war gar nicht das Problem.
Eigentlich sollte nur die betroffene Säule abgeschaltet werden. Stattdessen löst eine übergeordnete Schutzeinrichtung aus und legt gleich mehrere Ladepunkte lahm. Mit allen Folgen: Umsatzausfall, frustrierte Fahrer, Serviceeinsatz.
Die Ursache ist fast immer dieselbe: fehlende oder unzureichend abgestimmte Selektivität.
Was Selektivität bedeutet
In einer elektrischen Anlage sind Schutzeinrichtungen hintereinander geschaltet: vom Mittelspannungsschalter über den Transformator und die Niederspannungshauptverteilung bis zur Absicherung der einzelnen Ladesäule.
Selektiv ist eine Anlage, wenn bei einem Fehler nur die Schutzeinrichtung auslöst, die dem Fehler am nächsten liegt. Alles davor bleibt in Betrieb. Ein Kurzschluss an Säule 3 schaltet Säule 3 ab, nicht den Abgang mit sechs Säulen und nicht die ganze Station.
Damit das funktioniert, müssen die Schutzeinrichtungen gestaffelt sein: nach der Höhe des Stroms, bei dem sie auslösen, und nach der Zeit, die sie dafür brauchen.
Warum Schnelllade-Hubs besonders anfällig sind
Bei einem Ladepunkt an der Hauswand stellt sich die Frage kaum. Bei einem Schnelllade-Hub kommen mehrere Dinge zusammen:
- hohe Anschlussleistungen und damit hohe Kurzschlussströme
- mehrere Transformatoren, oft mit Erweiterungsstufen, die später dazukommen
- Schutzeinrichtungen aus verschiedenen Gewerken und von verschiedenen Herstellern: Netzbetreiber, Station, Verteilung, Charger
Jede dieser Komponenten ist für sich korrekt ausgelegt. Ob sie im Fehlerfall zusammenarbeiten, zeigt erst der Blick auf das Ganze.
Was aufeinander abgestimmt sein muss
Für einen Selektivitätsnachweis müssen drei Dinge zusammenpassen:
- Kurzschlussströme: Wie hoch ist der Strom im Fehlerfall an jeder Stelle der Anlage, im ungünstigsten und im günstigsten Fall?
- Schutzzeiten: Wie lange darf und muss jede Schutzeinrichtung warten, bevor sie auslöst?
- Schutzeinrichtungen: Passen Typ, Bemessung und Einstellung zur Stelle, an der sie sitzen?
Grundlage dafür ist eine Netzberechnung der gesamten Anlage. Erst wenn die Kurzschlussströme bekannt sind, lassen sich die Schutzeinrichtungen so einstellen, dass sie sich nicht gegenseitig überholen.
Warum das vor die Ausführung gehört
Eine Anlage muss nicht nur im Normalbetrieb funktionieren. Sondern auch im Fehlerfall beherrschbar bleiben.
Fällt fehlende Selektivität erst bei der Inbetriebnahme oder im ersten Fehlerfall auf, sind Station, Verteilung und Charger bereits bestellt und eingebaut. Dann bleibt nur, Einstellungen nachzujustieren oder Komponenten zu tauschen. Im laufenden Betrieb ist beides teurer als am Planungstisch.
Deshalb ist eine Netzberechnung mit abgestimmtem Schutzkonzept kein optionaler Planungsschritt.
Mehr dazu im Whitepaper
Selektivität ist eine von mehreren Schnittstellen, an denen Schnelllade-Hubs scheitern. Welche technischen Schnittstellen entscheidend sind und warum sie vor der Ausführung geklärt sein sollten, zeigt unser Whitepaper „Elektroplanung für Schnelllade-Hubs“.
Häufige Fragen
Was bedeutet Selektivität in einer elektrischen Anlage?
Schutzeinrichtungen sind hintereinander geschaltet, vom Mittelspannungsschalter bis zur Absicherung der einzelnen Ladesäule. Selektiv ist die Anlage, wenn bei einem Fehler nur die Schutzeinrichtung auslöst, die dem Fehler am nächsten liegt. Alles davor bleibt in Betrieb.
Warum schaltet ein Fehler an einer Ladesäule den ganzen Hub ab?
Weil die Schutzeinrichtungen nicht aufeinander abgestimmt sind. Statt der Absicherung der Säule löst eine übergeordnete Schutzeinrichtung aus und legt mehrere Ladepunkte lahm. Jede Komponente ist für sich korrekt ausgelegt – ob sie im Fehlerfall zusammenarbeiten, zeigt erst der Blick auf das Ganze.
Was braucht ein Selektivitätsnachweis?
Drei Dinge müssen zusammenpassen: die Kurzschlussströme an jeder Stelle der Anlage im ungünstigsten und im günstigsten Fall, die Schutzzeiten jeder Schutzeinrichtung und die Schutzeinrichtungen selbst mit Typ, Bemessung und Einstellung. Grundlage ist eine Netzberechnung der gesamten Anlage.
Wann sollte das Schutzkonzept stehen?
Vor der Ausführung. Fällt fehlende Selektivität erst bei der Inbetriebnahme oder im ersten Fehlerfall auf, sind Station, Verteilung und Charger bereits bestellt und eingebaut. Dann bleibt nur, Einstellungen nachzujustieren oder Komponenten zu tauschen.
Warum sind Schnelllade-Hubs anfälliger als ein einzelner Ladepunkt?
Hohe Anschlussleistungen bringen hohe Kurzschlussströme mit, oft gibt es mehrere Transformatoren mit späteren Erweiterungsstufen, und die Schutzeinrichtungen stammen aus verschiedenen Gewerken und von verschiedenen Herstellern: Netzbetreiber, Station, Verteilung, Charger.